Commit 9a539a79 authored by Stefan Haslinger's avatar Stefan Haslinger

fette kilometer

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......@@ -16,15 +16,15 @@ am Gehsteig laufen.
Steve ist bereits vor 5 Minuten gestartet. Im Startblock A. Die Schnellen.
Wir sind C. Die Langsamen. Vorne wird geklatscht, Es geht wohl los. Den
Startschuss hören wir nicht, wir sind zu weit hinten. *Kilometer 0*.
Startschuss hören wir nicht, wir sind zu weit hinten. **Kilometer 0**.
*Kilometer 1:* Nur nicht zu schnell loslegen. Beim Staffellauf in Wien bin ich
**Kilometer 1:** Nur nicht zu schnell loslegen. Beim Staffellauf in Wien bin ich
vor einem halben Jahr schon mal 15k auf Zeit gelaufen. Also 15 Kilometer.
Nach 2k war ich das erste Mal kaputt. Zu schnell angegangen. Das passiert
mir heute nicht. Mir ist auch zu warm dafür. Und es geht bereits nach 300m
bergauf. Ich dachte, in München ist es flach.
Kilometer 2: Eigentlich wollte ich mit den 2:30 Pacern anfangs mitlaufen.
**Kilometer 2:** Eigentlich wollte ich mit den 2:30 Pacern anfangs mitlaufen.
Theoretisch wären 2:34 bei mir drin. Sagt die Leistungsmessung der letzten
Wochen und Monate. Die Pacer haben wir auf der ersten Steigung aus den Augen
verloren.
......@@ -33,12 +33,12 @@ Jetzt erst mal von der Steigung erholen. Und ich habe ja noch Friedl. Er läuft
genau mein Tempo. Also das, was sich für mich OK anfühlt. 2:47 würde ich jetzt
auch nehmen...
*Kilometer 3:* Der Puls ist konstant bei 160. Das ist OK. Sagt mir auch die
**Kilometer 3:** Der Puls ist konstant bei 160. Das ist OK. Sagt mir auch die
Erfahrung der letzten Monate. Ich habe sogar eine Spirometrie unter
Laborbedingungen gemacht und weiß, dass mein Maximalpuls bei 182 liegt.
Also alles im Grünen Bereich.
*Kilometer 4:* Friedl ist noch neben mir, mal ein paar Meter vor mir, mal hinter
**Kilometer 4:** Friedl ist noch neben mir, mal ein paar Meter vor mir, mal hinter
mir. Wir bringen einander automatisch dazu, mit sehr konstanter Anstrengung zu
laufen. Das ist gut. So kann man das überstehen. Denn es ist sehr warm.
......@@ -46,7 +46,7 @@ laufen. Das ist gut. So kann man das überstehen. Denn es ist sehr warm.
wieder Zuschauer, die uns anfeuern. Kleine Kinder, die abgeklatscht werden wollen.
Läuft.
*Kilometer 5:* Die erste Verpflegungsstelle. Und Friedl ist weg. Er läuft durch
**Kilometer 5:** Die erste Verpflegungsstelle. Und Friedl ist weg. Er läuft durch
Verpflegungsstellen durch, trinkt und isst dabei. Ich gehe langsam, habe das
nicht so heraus. Aber ich kriege ihn nach 200 Metern wieder, wenn es das nächste
Mal bergab geht. Funktioniert eigentlich ganz gut. Habe in den letzten Wochen
......@@ -56,13 +56,13 @@ nicht bei jedem Schritt. Und bergab wird man automatisch schneller. Nur sauber
laufen, sonst gibt es Rückenprobleme. Oder mit dem Knie. Oder der Achillessehne.
Aber ich bleibe konzentriert.
*Kilometer 6:* Ist das heiß hier. Fade Strecke, die Sonne brennt. Die Univesität
**Kilometer 6:** Ist das heiß hier. Fade Strecke, die Sonne brennt. Die Univesität
gibt später zu Protokoll, dass die Maximaltemperatur des Tages 25.7 Grad ist.
Im Frühjahr habe ich gemerkt, dass ich, sobald es mehr als 16 Grad hat, langsamer
werde. Der Traum von den 2:30 ist ad acta gelegt. Macht nix. 3:00 sind das
Ziel. Also: Breaking Three.
*Kilometer 7:* Um Breaking Three zu schaffen muss ich 8:30 pro Kilometer laufen.
**Kilometer 7:** Um Breaking Three zu schaffen muss ich 8:30 pro Kilometer laufen.
Bisher geht das leicht. Der schnellste Kilometer war 7:50, alle unter 8:30.
Ich baue also einen gewissen Zeitpolster auf. Wie viel? Egal. Zum Rechnen habe
ich keine Lust.
......@@ -70,7 +70,7 @@ Der Kipchoge ist ja gestern in Wien gelaufen: Breaking Two. Er hat einen
Marathon unter zwei Stunden geschafft. Ich will die halbe Strecke in drei.
Jedem seine Ziele. Und meines habe ich Dominik, Steve und TJ zu verdanken.
*Kilometer 8:* Heiss. Der Dominik hat auf der Ganzohr Wissenschaftspodcastkonferenz
**Kilometer 8:** Heiss. Der Dominik hat auf der Ganzohr Wissenschaftspodcastkonferenz
vor zwei Jahren spät abends bei Burger und Bier gesagt, er will wieder Sport machen.
Und der Steve meinte, er könnte ihn trainieren. TJ und ich haben sich angeschlossen.
Und gemeinsam sind wir die 3 Schweinehunde. Steve ist ja der Betreuer. Der
......@@ -80,7 +80,7 @@ ein Uhrwerk. Wobei nicht ganz. Doch dazu später. Als Podcaster berichten wir
Trainingsziel ist hier und heute den Halbmarathon zu schaffen. In der Karenzzeit.
Aber das hatten wir ja schon.
*Kilometer 9:* Friedl ist noch da. Steve wohl weit vor mir. Insgesamt sind wir
**Kilometer 9:** Friedl ist noch da. Steve wohl weit vor mir. Insgesamt sind wir
heute sogar 9 Schweinehunde. Einige Hörer:innen haben sich angeschlossen.
Sonst wäre das auch traurig. Denn Dominik konnte heute nicht starten. Zuerst
eine Verletzung am Fuß, eine Sehnenzerrung. Zuletzt noch 2 Erkältungen.
......@@ -89,7 +89,7 @@ gekommen sind. Nein, dafür hat er zu viel trainiert. TJ ist schon länger
raus. Details haben wir im Schweinehunde Podcast berichtet. Ob er
je wieder mit uns laufen wird? Ich weiß es nicht. Mir ist zu heiß.
*Kilometer 10:* Einem älteren Herrn vor mir auch. Er kracht torkelnd gegen eine
**Kilometer 10:** Einem älteren Herrn vor mir auch. Er kracht torkelnd gegen eine
Bande. Ungefähr 50 Meter von den Sanis entfernt. Die kümmern sich gleich um
ihn. Alles gut. Aber ich mache mir bewusst, dass ich auch ziemlich am Limit
bin. Nicht von der Atmung, die hat sich in den letzten Wochen sehr verbessert.
......@@ -104,16 +104,17 @@ Hat sich herausgestellt, so heuer im Frühjahr, Steve unser Trainer, ist auch nu
ein Mensch. Nach einem Rennen war er ziemlich K.O. Beine wie Gummi, hat er
gesagt. Für einige Wochen. Warum konnten auch Ärzte nicht heraus finden. Das ist
alles nicht so einfach mit dem Organismus. Manchmal ist die Ursache eines
Problems ganz wo anders im Körper zu suchen. Oft im Kopf.
Problems ganz wo anders im Körper zu suchen. Oft im Kopf. Manchmal findet man
sie nie und es wird einfach so wieder besser.
*Kilometer 11:* Friedl ist noch da, er schnauft. Mal sehen, ob ich ihn noch
**Kilometer 11:** Friedl ist noch da, er schnauft. Mal sehen, ob ich ihn noch
abhänge? Aber tut mir da nicht gerade die Achillessehne weh? Sauberer Laufen!
Und schon ist es wieder weg. Vielleicht ein Warnsignal. Mit der gab es auch vor
einiger Zeit Probleme. Die beiden sind auch meine Schwachstellen. Wegen ihnen
habe ich zuletzt die Umfänge beschnitten, ein paar lange Läufe ausgelassen. Ob
sich das noch rächen wird?
*Kilometer 12:* Es geht in die Stadt. Mehr Schatten. Das tut gut. Aber auch die
**Kilometer 12:** Es geht in die Stadt. Mehr Schatten. Das tut gut. Aber auch die
Energie wird weniger. Und nach jeder Verpflegungsstelle wieder zu Friedl
aufschließen kostet Kraft. Ich glaube nun eher, er wird mich abhängen. Meine
Leistung sinkt. Anfangs waren es bergauf 240 Watt. Später 215 flach. Jetzt
......@@ -122,7 +123,7 @@ Schon cool. Eigenlich sollte ich um die 240 Watt laufen. Aber das ist bei der Hi
nicht drin. Ich will ins Ziel kommen. Lieber etwas vorsichtig sein und nicht
überpacen. Ich will mich ja nicht kaputt machen.
*Kilometer 13:* Puls weiter bei 160. Kardiovaskuläre Dings ... Drift. Das Gehirn
**Kilometer 13:** Puls weiter bei 160. Kardiovaskuläre Dings ... Drift. Das Gehirn
hat schon etwas zu wenig Sauerstoff. Der Puls steigt langsam, wenn man nicht
langsamer wird, das ist normal. Und das wird heute noch lang werden. Friedl ist
noch in Sichtweite, aber ich schließe nicht mehr locker auf. Egal.
......@@ -136,7 +137,7 @@ Laufen. Die Gedanken driften immer wieder weg vom Lauf. Zuschauer feuern uns
an. Ach ja, da sind wieder Kinder, die abklatschen wollen. 2m Umweg?
Nö. Zu viel Anstrengung. Sorry.
*Kilometer 14:* Vorbei am Viktualienmarkt über Pflastersteine. Vor einem Jahr
**Kilometer 14:** Vorbei am Viktualienmarkt über Pflastersteine. Vor einem Jahr
hätte ich da noch Probleme gehabt. Die Sehnen in den Füßen waren zu schwach.
Habe dann ab Weihnachten die Umstellung zum Mittelfußlauf gemacht. Im April
gab es erste Erfolge. Jetzt sind Pflastersteine kein Problem mehr. Ich
......@@ -144,18 +145,18 @@ schmunzle. Das sieht die Sprecherin: "Stefan schenkt uns sogar noch ein Lächeln
Ich hatte das gar nicht gemerkt. Der Kipchoge macht das übrigens auch. Um
den Schmerz zu überwinden. Noch tut nix weh.
*Kilometer 15:* Friedl ist weg. Die Sonne geht aber auch langsam runter. "Das sollte
**Kilometer 15:** Friedl ist weg. Die Sonne geht aber auch langsam runter. "Das sollte
zu schaffen sein", spreche ich mit einer Läuferin. "Daran habe ich nie gezweifelt."
In dem Moment sticht die rechte Wade. Jetzt zweifle ich doch. Mit der gab es
noch nie Probleme. Egal, hier gibt's auch wieder Verpflegung. Und die habe
ich nötig. Energieriegel und Banane. Burps. Doch zuviel? Nein, geht schon.
*Kilometer 16:* Wieder mehr Energie. Aber die Wade tut auch mehr weh. Puh.
**Kilometer 16:** Wieder mehr Energie. Aber die Wade tut auch mehr weh. Puh.
Schade, dass ich mich an Friedl nicht mehr anhängen kann. Er ist endgültig außer
Sichtweite. Ich suche mir einen anderen. Der humpelt sogar. Ich bin jetzt so
langsam, dass ich mit einem der humpelnd läuft, gerade so mitkomme.
*Kilometer 17:* Das war's wieder mit der Energie, aber sind ja nur mehr 4 Kilometer.
**Kilometer 17:** Das war's wieder mit der Energie, aber sind ja nur mehr 4 Kilometer.
Alter Schwede: Noch 4 km mit einer stechenden Wade? Aber ich habe noch 3 Gels
bei mir. Mal eins nehmen. Jeder Meter fühlt sich bergauf an. Obwohl es hier
eher bergab geht. Meine Uhr meint am Schluss 140 Höhenmeter, die von Steve 65.
......@@ -164,13 +165,13 @@ eine Höhenkurve ist ein Fraktal. Oha! Das Hirn ist wieder voll da.
Um den Schmerz zu genießen? Immerhin ist mit dem Kreislauf alles in Ordnung.
Ich bin angstrengt, aber der Puls ist weiter bei 160.
*Kilometer 18:* Noch 3km. Die Reihen lichten sich, das Feld um mich zieht sich
**Kilometer 18:** Noch 3km. Die Reihen lichten sich, das Feld um mich zieht sich
auseinander. Auch kaum Zuschauer. Langweilige Häuserreihen. Mal kurz überschlagen,
ob sich das mit Gehen ausgehen würde. Nein. Aber ein paar Meter gehen schon.
OK: 100 Meter. Dann wieder Anlaufen. Die Muskulatur in beiden Beinen tut weh.
3 Kilometer noch. Ach, das hatten wir ja schon.
*Kilometer 19:* Am Wegesrand sitzt einer mit einem Krampf. Ich will ihn aufmuntern,
**Kilometer 19:** Am Wegesrand sitzt einer mit einem Krampf. Ich will ihn aufmuntern,
neben mir zu gehen. So langsam laufe ich. Er kann nicht. Aber er wirkt sonst OK.
Der bei km 15 am Rettungswagen in der Rettungsdecke war nicht mehr OK. Totaler
Blick durch mich durch ins Leere. Ist mit mir alles OK?
......@@ -179,11 +180,11 @@ Aber jetzt habe ich zwei Jahre trainiert und es fehlen mir mehr zwei Kilometer.
Aufgeben ist definitiv keine Option. Denken Sie nicht an das Aufgeben!
Alter, bin ich langsam, manchmal nur 9:30, und das laufend.
*Kilometer 20:* Die Polizeimotorräder überholen mich. Kommt schon der Besenwagen?
**Kilometer 20:** Die Polizeimotorräder überholen mich. Kommt schon der Besenwagen?
Nein, die wollen nur nach Hause. Das Ziel, das Olympiastadion, ist schon zu sehen.
Das letzte Gel hinein. Eigentlich ist der Akku leer. Ich mag nicht mehr. Weiter!
*Kilometer 21:* Die mentale Barriere fällt weg. Es ist nicht mehr weit, ich werde
**Kilometer 21:** Die mentale Barriere fällt weg. Es ist nicht mehr weit, ich werde
wieder so schnell wie ganz am Anfang. Beim Einlauf ins Stadium gibt's dann Gänsehaut
für ein paar Sekunden. Jetzt sind es nur mehr 200m. Ich überhole noch einen. Sehe
die Freundin, die mich anfeuert. Ins Ziel. Geschafft! Three is broken.
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